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Neue Normalität oder Todesstoß?

Liebe Klavierfreundinnen und -freunde,

hängt Ihnen das Thema Corona-Pandemie auch schon zum Hals raus, können auch Sie keine Expertenmeinungen mehr hören, da doch alle eigentlich gleichlautend sagen: Wir wissen nicht ganz genau, was noch passieren wird. Die Aufhebung der Beschränkungen lässt hoffen, aber was genau kann man denn für die Klavierwelt erwarten?

„Neue Normalität“ nennen kluge Köpfe nun die Aufhebung der Beschränkungen. Das mag zutreffen, wenn es um das Einkaufen im Supermarkt mit Maske geht, wenn man an die Urlaubsreise denkt oder an das Bahnfahren. Denn selbst die Einschränkungen mit Maske sind recht harmlos. Doch wie sieht es mit dem Konzertbetrieb aus? Nur wenige Zuhörer können im Saal sein, können bei einem Event ohne Pausen wohl nur außerhalb des Saals eine Art von sozialem Erlebnis beiwohnen. Und das ist ein Konzert mit Klaviermusik nun einmal auch: ein soziales Erlebnis. Denn der Austausch mit Gleichgesinnten machte schon immer – und so ist es auch heute – einen Großteils des Konzerterlebnisses aus. Man will das Erlebnis verarbeiten, will darüber sprechen. Zudem sind es gerade – so ist es schon seit Jahrzehnten – die älteren Menschen, die in Konzerte gehen. Sie gehören aber offiziell zur Risikogruppe unserer Bevölkerung. Wollen sie sich wirklich den Gefahren eines Konzertbesuchs aussetzen, gleichgültig wie genau die Richtlinien der Abstände und der Hygiene aufrecht gehalten werden?

Natürlich ist es gut, wenn der Konzertbetrieb langsam wieder Fahrt aufnimmt, wenn Pianisten wieder auftreten, für ein reales Publikum spielen können und nicht für eine Kamera, hoffend, dass jemand im Livestream zuhört. Aber wie kann man wohl wieder zu einer echten Normalität zurückkehren. Wohl auf lange Zeit überhaupt nicht, so wie es aussieht. Und vielleicht wäre es auch unvernünftig, wenn die Säle und Konzertveranstalter nun einfach wieder zu einer Aktivität zurückkehrten, die vor der Pandemie normal war, denn immerhin haben wir noch keinen Impfstoff für das Corona-Virus. Zudem haben sich viele Klavierliebhaber daran gewöhnt, sich Musik virtuell anzuhören und anzuschauen, mit einem Glas Wein zu Hause auf dem Sofa. Das kann für viele Menschen eigentlich auch so bleiben. Sie müssen sich nicht aufmachen, um zu einem Saal zu kommen, womöglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln, sich beeilen, die letzte Straßenbahn- oder Busverbindung nach Hause zu erreichen, wenn das Konzert einmal länger dauert. Sie können während des Konzerts mit jemandem direkt über das sprechen, was man da erlebt. Natürlich ist das nicht dasselbe wie ein Live-Konzerterlebnis, aber der Mensch ist nun einmal auch bequem und ein „Gewohnheitstier“. Nun machen sich viele Entscheider der Musikindustrie daran, die Digitalisierung zu professionalisieren, es zu einer Dauerlösung auf Bezahlebene zu hieven, dass man Musik über den Fernseher oder den Computermonitor „genießen“ kann. So beispielsweise die Deutsche Grammophon mit ihrem Abonnement „Online-Forum DG Premium“. Das ist kontraproduktiv, vor allem für all die unbekannteren Künstler ein Schlag ins Gesicht, denn wenn das die „neue Normalität“ wird, werden auch sie in Zukunft ohne Publikum kaum mehr Konzerte spielen können.

Die Frage ist, was man in der langen Zwischenzeit machen kann, machen sollte? Denn die Lust an und auf die Klaviermusik ist nicht gesunken, ganz im Gegenteil hat man in den vergangenen Monaten gespürt, dass das Interesse durchaus noch gestiegen ist. Das liegt sicherlich auch daran, dass viele Menschen wieder Zeit hatten, sich mit ihrem Klavier zu Hause zu beschäftigen, sich wieder mit den Klavieraufnahmen, die sie lange nicht gehört hatten, beschäftigen konnten. Livestreams waren interessant, aber nicht das eigentlich Wichtige.

Die Rückkehr zu einer wie auch immer gestalteten und wie auch immer genannten Normalität wird noch auf sich warten lassen. Bis dahin bleibt vor allem eines: Die Lust und der Spaß am eigenen Klavierspiel, am Zuhören von Künstlern, die das Klavier spielen und davon leben wollen und müssen. Eine wirkliche Unterstützung fehlt bislang immer noch, wenn es nicht ohnehin schon zu spät dafür ist, denn einige Pianisten haben sich schon einen „Nebenjob“ suchen müssen, um zu überleben … Halten wir das Klavierspiel aufrecht und verlieren wir nicht den Spaß am Live-Event, ansonsten werden wir irgendwann bereuen, dass wir „bequem“ geworden sind.

Was zu retten bleibt

Liebe Klavierenthusiastinnen und -enthusiasten,

ein Sommer ohne Live-Konzerte liegt vor uns, ein Sommer, in dem wir kaum Klavierwettbewerbe, die eigentlich hätten stattfinden sollen, besuchen können. Die Corona-Krise macht es unabdingbar, dass wir Beschränkungen auch im kulturellen Bereich auferlegt bekommen haben. Wir haben uns in den vergangenen Monaten alle mit Aufnahmen und virtuellen Live-Angeboten im Internet über Wasser gehalten – und haben unser eigenes Instrument wieder stärker entdeckt. Dabei haben viele von uns festgestellt, dass das Instrument nicht mehr in einem Zustand ist, in dem wir glaubten, dass es eigentlich ist – oder sein sollte. Je mehr Zeit man am Instrument verbringt, umso anspruchsvoller werden wir auch. Aus diesen Erfahrungen können wir unsere Lehren ziehen. Denn das Spiel auf dem Instrument, die Freude (und auch der Frust), die man dabei empfindet, ist etwas, was bleibt.

Das Klavierspiel, die intensive (auch passive) Beschäftigung mit Musik, und speziell der Klaviermusik bringt uns das, was zählt: Gehirnaktivität, gepaart mit Freude. Genau daran sollten wir uns immer erinnern, auch dann, wenn alles wieder einen „normalen“ Weg nach der Krise geht. Denn das ist, was wichtiger ist, als in den Urlaub zu fahren. Ohnehin sind die auch auf politischer Ebene geführten Diskussionen über mögliche Urlaube in fernen Ländern mehr als eigenwillig. Denn in der Regel will man ja in den Urlaub fahren, um dem Alltag, dem Arbeitsalltag, zu entfliehen, sich zu entspannen. Doch haben wir nicht genug Entspannung gelernt in den vergangenen Monaten? Haben wir nicht verstanden, dass Entspannung in den eigenen vier Wänden ebenso gewinnbringend sein kann, wie das Herumreisen in ferne Länder? Und hatten wir nicht auch in unseren Breitengraden Sonne genug? Also, warum „in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt“?

Das Klavierspiel, das Zuhören mit Noten, wenn man diese lesen kann, das Vergleichen von Aufnahmen, wenn man genügend Einspielungen von bestimmten Werken hat, sich über die Hintergründe von Komponisten mittels Biografien, sozialpolitischen Büchern zu informieren, das ist etwas, was wirklich an Kenntnissen bleibt, was einem eine gewisse Freude bringt, die man nur schwerlich auf andere Weise erreichen kann. Zudem hat sich herausgestellt, dass Menschen in der Krise wieder weitaus mehr miteinander kommunizieren, sich austauschen – auch über ihr Lieblingsthema, die Klaviermusik. Es wird wieder stundenlang telefoniert, da man die Zeit dafür hat, es werden mehr Diskussionen online geführt, da man sich mit Gleichgesinnten vereinen will. All dies sind die Momente, nach denen man sich schon bald wieder sehnen wird, wenn alle wieder ihren Aufgaben hinterherrennen.

Wir haben aus der Krise des Corona-Virus viel gelernt, über die Menschen, unsere Gesellschaft, die Politik … und vor allem über uns. Und trotz der frustrierenden Momente, der vergleichsweisen Einsamkeit in den eigenen vier Wänden, der Einschränkungen, haben wir doch auch viele Momente erkannt, die wir ansonsten vermissen.

Das zu erhalten, diese Gefühle zu retten, ist nun eine Aufgabe, der wir uns stellen müssen, denn es wird nicht leicht sein, sich immer daran zu erinnern, wie es auch anders geht – gewinnbringend für unser selbst sein kann, wenn wir uns Zeit für das Klavier, die Musik und uns selbst nehmen …

Konkurrenzdenken in der Klavierwelt?

Liebe Klavierfreundinnen und -freunde,

in Zeiten, in denen das Gemeinsame wichtiger ist als das Gegeneinander ist es auch Zeit, sich über ein Konkurrenzdenken in der Klavierwelt Gedanken zu machen. Natürlich ist die Profession eines Pianisten erst einmal eine recht einsame. Entsprechend haben viele, gerade jüngere Pianisten ein ausgeprägtes Konkurrenzdenken entwickelt, da sie jahrelang „stillen Kämmerlein“ dafür gearbeitet haben, um irgendwann einmal auf einer Bühne zu sitzen, vor Publikum zu spielen. Doch nun, durch die Corona-Krise, sind plötzlich alle im selben Boot, denn niemand, gleichgültig wie berühmt sie oder er ist, tritt vor Publikum auf. Da ist das Denken, dass man vielleicht ein Konzert weniger spielt, da es ein anderer bekommen hat, nicht mehr angebracht, auch wenn viele Online-Konzerte dann doch wieder nur eine Handvoll von Pianisten mit großem Marketing eine entsprechend große Aufmerksamkeit zu Teil wird. Aber alle anderen haben nun auch die Möglichkeit, sich einem breiteren Publikum von zu Hause aus zu präsentieren. Und da kann man so einige Pianisten entdecken, die bislang noch nicht so richtig wahrgenommen wurden. Konkurrenzdenken wir da ausgeschaltet.

Auch die anderen Bereiche der Klavierwelt sollten sich durch die Erfahrungen der vergangenen Wochen nun langsam von einem krankhaften und althergebrachten Konkurrenzdenken verabschieden: Klavierhändler sollten – wie es im Kleinen schon geschehen ist – zu Allianzen zusammenfinden, da viele oftmals nicht aus eigener Kraft haben, ihre Angebote wieder einem breiteren Kundschaft kundzutun. Immerhin sind die Menschen aufgrund der finanziellen Einbußen oftmals verunsichert. Und wenn selbst die Politik über den vielleicht nicht stattfindenden Sommerurlaub diskutiert, sparen viele ansonsten vielleicht am Klavier Interessierten schnell bei allem, was man als kulturelle Inspiration bezeichnen könnte – auch beim Klavier.

Den dritten große Bereich stellen natürlich die Klavierhersteller dar. Viele haben Kurzarbeit angemeldet, produzieren momentan gar nicht. Nur einige versuchen ihre Fertigung weiterlaufen zu lassen, um Lieferengpässe, die in der Vergangenheit bei bestimmten Modellen bestanden, nun aufzufüllen, damit es keine Lieferzeiten mehr gibt. Doch wenn man sich in Europa umschaut, dann sollte sich auch bei den Herstellern langsam ein Denken für Allianzen einstellen. Natürlich könnte man womöglich jedes verkaufte Instrument einer Marke, als ein nicht verkauftes der anderen ansehen. Aber ist es nicht so, dass das Thema Klavier eigentlich viel zu wenig im Bewusstsein der breiten Bevölkerungsschicht verankert ist? Sollte man nicht daran arbeiten, das Instrument selbst, das Klavier, das nun eine 320-jährige Geschichte hat, thematisieren. Sollte dies ein Hersteller allein versuchen? Wohl kaum, denn kein Hersteller hätte genug Kraft, dies einer breiten Bevölkerung nahezubringen. Und wenn das Klavier erst einmal wieder als Kulturgut angesehen wird, kann es auch zu einer neuen Lebendigkeit des Verkaufens kommen.Konkurrenz ist gesund, sagt man im Marketing. Das stimmt, denn ohne Konkurrenz ruht man sich als Hersteller zu schnell auf den eigenen Lorbeeren aus und wird träge. Konkurrenz belebt das Geschäft, lautet ein anderer Satz aus der Wirtschaft. Stimmt auch, aber nur dann, wenn die Allgemeinheit das, was man herstellt, überhaupt genug wahrnimmt. Und dies ist momentan vielleicht gar nicht der Fall, da die meisten Menschen an andere Dinge zuerst denken.

Daher sollten nun alle, die sich dem Thema Klavier widmen, ein falsches Konkurrenzdenken aussetzen, und das Instrument als Kulturgut und als ein Medium, das in Krisenzeiten Gutes bewirken kann, vermarkten.

Chinas Probleme und die Klavierwelt

Liebe Klavierfreundinnen und -freunde,

seit Monaten nun hält uns der sogenannte Corona-Virus die Welt in Atem und Quarantäne, die Nachrichten werden nicht weniger, die Bedrohung einer Epidemie scheint trotz unseres so fortgeschrittenen Forschungsstandes in der Medizin kaum abwendbar. Was bedeutet das für eine für die Wirtschaft scheinbar so unbedeutende wie im globalen Denken unwichtige Klavierwelt? In jedem Fall ist sie stark beeinflussend!

Wir dürfen nicht vergessen, dass bis zu 70 Millionen Kinder bis Erwachsene in China den Wunsch haben, sich zu professionellen Pianisten ausbilden zu lassen. Da ist es nur eine Selbstverständlichkeit, dass viele Chinesen auch in den Westen Europas drängen, um sich dort ihre Ausbildung zu holen. Und da Deutschland eines der wichtigsten Musikländer in Europa ist, studieren viele Chinesen auch an deutschen Musikhochschulen. Der Corona-Virus brach in seiner vollen Wucht in China kurz vor dem chinesischen Neujahrsfest aus. Viele Chinesen waren in ihre Heimat gefahren, um dieses wichtige Fest zu feiern. Etliche sind nicht mehr zurückgekehrt, aus Angst die Welt anzustecken. Es fehlten in Klavierklassen schnell schon etliche der Studenten. Die, die dennoch zurückkehrten, wurden mit Argusaugen beobachtet, oder sogar von anderen Studenten „geschnitten“, da jeder Angst vor einer Ansteckung hatte. Wenn man die globalisierte Musikwelt betrachtet, wird es klar, dass ganze Orchestertourneen von Ensembles oder von Orchestern abgesagt wurden. Es ist eine schwierige Zeit, die sich erst nach und nach beruhigen wird.

Doch auch die Klavierindustrie verspürt solch eine Seuche, denn viele Hersteller beziehen ihre Halbfertigprodukte aus dem „Land der Mitte“, um sie in Deutschland in ihre Instrumente einzubauen: Mechaniken, Tastaturen und andere Teile werden in China gefertigt. Natürlich kann das schnell zu Produktionsproblemen auch in Deutschland führen, wenn die Arbeiter in China nicht in ihre Fabriken gehen dürfen, aus Angst davor, dass sie sich dort nochmals anstecken könnten oder Transportunternehmen nicht wie gewohnt arbeiten können. Dennoch wird es wohl kaum auf dem Klaviermarkt zu wirklichen Engpässen kommen, da es genug Klavierfachgeschäfte gibt, die viele Instrumente zur Verfügung haben. Dass eine Vielzahl von Marken direkt aus China nach Europa geliefert wird, steht zudem außer Frage: Ritmüller, Irmler, Essex, Wilhelm Grotrian, Fridolin von Schimmel und viele mehr …

Doch die Klavierindustrie war immer schon eine Branche, die eine wirtschaftliche Beeinflussung immer erst mit einer Verzögerung wahrgenommen hat. Dies liegt auch an der langen Verarbeitungszeit der Instrumente. Angst vor Instrumenten aus China muss man aber wohl kaum haben, denn es ist klar, dass der Virus sich nicht länger auf Oberflächen oder Verpackungen halten kann.

Der Corona-Virus ist einer, den man nicht unterschätzen sollte, einer, der auch die Musik- und die Klavierwelt mehr und mehr beeinflusst. Dennoch ist eine Angst oder Diskriminierung der Menschen oder für die Produkte aus einem bestimmten Land der vollkommen falsche Weg, mit solch einer weltweiten Beeinträchtigung umzugehen. Wir leben in einer vollkommen globalisierten Welt, also müssen wir auch akzeptieren, dass wir die Menschen aus anderen Ländern, in denen sich dann auch einmal Viren entwickeln und verbreiten können nicht vorschnell verurteilen oder vor ihnen Angst haben sollten, denn diese Angst schürt Gedanken, die wir in einer Welt der Musik nicht haben wollen und brauchen können.

Beethoven, Beethoven, Beethoven ... zuviel?

Liebe Klavierenthusiastinnen und -enthusiasten,

mittlerweile sind wir mittendrin, im Beethoven-Jahr, das zum Gedenken an seinen 250. Geburtstag ausgerufen wurde. Und es ist gut, dass man sich – wieder einmal – an alle Aspekte dieses Komponisten erinnert, nicht nur an das Repertoire, das ohnehin immer wieder in den Konzertsälen zu hören ist. Gerade die Klaviermusik ist reich bei Beethoven. Doch auch hier gibt es viele abseitige Werke neben den 32 Klaviersonaten und den 5 Klavierkonzerten (oder den 6 oder 7, denn in diesem Jahr spielt man auch die Rekonstruktion seinen 0-ten Konzerts WoO4 oder die Fertigstellung seines 6. Konzerts, hinzu käme dann noch die Chorfantasie und seine eigenen Fassung des Violinkonzerts für Klavier und Orchester …), die man oftmals nur wenig beachtet. Gerade im Bereich der Variationen gibt es da noch vieles zu entdecken, ebenso bei seinen Einzelstücken.

Aber es scheint da auch – wieder einmal – ein gewisser Marketingwille zu herrschen: Schallplattenfirmen überschlagen sich, den wirklich kompletten Beethoven auf CD anzubieten, Festivals denken sich immer wieder neue Muster aus, das komplette Klavierwerk von Beethoven (niemand überprüft dann wirklich, ob es komplett ist) oder mindestens sämtliche Sonaten aufzuführen. Ist das alles wirklich wichtig, kann man als Zuhörer diese Flut an Beethoven noch ertragen? Ja, bei Beethoven geht das gut. Das liegt wohl auch daran, dass kaum ein anderer Komponist so modern geschrieben hat und vor allem die Emotionen der Zuhörer anspricht wie dieser Komponist. Dadurch, dass seine in Musik gesetzten Ideen zeitlos mit dem menschlichen Ansatz sind, seine Idee der Gleichbehandlung aller Menschen – in seiner Zeit ein Affront gegen das Metternich-Regime in Österreich – bis heute aktuell ist. Und das spürt man einfach, man erkennt diesen unbändigen Willen der Menschlichkeit in seiner Musik. Und damit wird sie niemals langweilig (oder besser gesagt: langatmig). Kaum ein anderer Komponist hat diesen Effekt, bei dem man – auch nachvielfachem Hören desselben Werks – immer wieder eine neue Nuance kennenlernt, einen neuen Gedanken in der Musik entdeckt. Ist es vielleicht wirklich so, wie man seitens von Forschern vermutet: Dass er aufgrund seiner bereits 1802 einsetzenden Taubheit eine andere klangliche Ebene in seinem Innern zu empfinden imstande war, so dass er eine musikalische Ebene ausdrückte, die zwar im Diesseits verankert ist, aber längst über die Realität hinausragt? Hier wird man immer auf Spekulationen angewiesen sein, und letztendlich spielt dies auch keine Rolle. Denn Beethoven ist niemals zu viel oder zu einseitig: Seine Musik ist zeitlos und immer modern.

Klaviermusik und das Internet

Liebe Klavierfreundinnen und -freunde,Liebe Klavierfreundinnen und -freunde,

wir nutzen es alle, die wir mit Musik umgehen: Das Internet. Immer wieder will man sich kurz einmal vergewissern, welche Opusnummer ein Werk hat, oder in welcher Tonart es steht, wann genau es geschrieben würde, oder wie viele Sätze ein Werk hat und wie sie genau benannt sind. Und schon landet man auf den Plattformen der großen Globalplayer im Internet: Auf YouTube, bei Amazon, oder aber natürlich bei Wikipedia. Das hat alles irgendwie seine Berechtigung, aber was genau macht dies mit uns?

Immer mehr, gerade junge Menschen konsumieren Musik über YouTube, Spotify oder andere Internet-Dienste. Und wenn man nun denkt, dass es bei denen, die sich dazu entschlossen haben, sich professionell mit Musik auseinanderzusetzen, anders sei, unterliegt einer Fehleinschätzung. Fragen Sie doch einmal einen Klavierstudenten, welches Konzert eines Pianisten er zuletzt besucht hat, live, nicht auf YouTube. Sie werden erschrecken, dass immer mehr Studenten sich genau an den genannten Plattformen für ihre Musikkenntnisse orientieren. Und auch an Wikipedia. Auch dies ist zur schnellen Orientierung einmal ganz in Ordnung, aber wenn man sich ein wenig auskennt, erkennt man dort auch viele Fehler, oder aber zumindest eine deutliche Vereinfachung von Darstellungen von Werken, Komponisten oder Interpreten. Wenn man diese Studenten fragt, wann sie das letzte Mal eine Biografie über einen Komponisten in Buchform gelesen haben, wird man mit einem fragenden Blick belohnt. Das soll nun nicht bedeuten, dass alle Studenten gleich seien, dass sich niemand mehr für die tiefergehenden Ideen hinter den Werken und die geschichtlichen Umstände interessiert. Aber der Druck, der auf den jungen Interpreten lastet, ist hoch. Wie soll man sich durchsetzen, wenn jeder von ihnen eine technisch einwandfreie, aber dennoch persönliche Interpretation vieler Werke fordert? Zudem müssen sie sich mit der Jetztzeit auseinandersetzen, mit den Studienanforderungen, die seit der Einführung von Bachelor und Master nicht gerade vereinfacht wurden. Da tritt dann auch eine gewisse Ablehnungshaltung gegen alle vielleicht wichtigen, aber in dem Moment kaum wahrnehmbaren Zusatzaktivitäten ein, die früher als selbstverständlich galten.

Daneben sind es Vorbilder, die falsche Hoffnungen setzen. Immer wieder werden recht unfähige Pianisten aufgrund ihrer zum Teil sexistisch anrüchigen oder anders in Szene gesetzten Internetauftritte von Medien und Schallplattenfirmen ins Spotlight gehoben. Das ist bedenklich. Wenn diese es aber schaffen, warum sollten sich die jungen Interpreten an den Tasten noch intensiv mit dem Kern der Musik und ihrer Darstellung für ein Publikum beschäftigen. Andere schaffen es doch auch, mit einer Story, mit fragwürdigem Klavierspiel oder einer Selbstdarstellung, die kaum mehr fragwürdig, sondern fast schon abstoßend ist.

Was zu tun ist? Man darf nicht müde werden, die interessierten Studenten zu unterstützen, man muss sie in die Konzerte mit großen Interpreten bringen, sie animieren, sich mit famosen Interpretationen, mit den Komponisten, mit der Geschichte ihrer Zeit und mit den politisch-sozialen Atmosphären dieser Zeiten zu beschäftigen. Das ist eigentlich die Aufgabe der Hochschulen, an denen diese Pianisten ausgebildet werden, aber auch in anderen Studienbereichen wird man nur dazu angeregt, sich selbstständig weiter zu beschäftigen. An den Hochschulen bleibt kaum mehr Zeit für den Anstoß des Interesses, kaum mehr die Luft, um mit den Studenten mehr Zeit als die Unterrichtsstunde selbst zu verbringen. Und dort geht es nun einmal darum, ihnen die Grundlagen des Klavierspiels zu vermitteln. 

Die Kartenpreise in vielen Städten müssten für Studenten noch drastischer gesenkt werden, auch wenn man sie gerne mit denen von Kinos vergleicht. Aber wie oft geht ein Student ins Kino? Zudem sollten Labels Aktionen starten, um den Studenten nicht nur die Internetplattformen günstig zur Verfügung zu stellen, sondern auch die physischen Tonträger. Man muss langsam etwas tun, um auch weiterhin in einem kulturell so reichen Gebiet wie Europa die Ausbildung auf einem Niveau zu halten, das alles bietet, was schon längst verloren zu sein scheint.

Annäherung von Fachgebieten notwendig

Liebe Klavierliebhaberinnen und -liebhaber,

vielleicht haben Sie sich selbst schon einmal Gedanken darüber gemacht, eine Klavierfabrik zu besuchen, um zu erfahren, wie die Instrumente, die Ihnen so lieb sind, eigentlich entstehen, gebaut werden? Um zu sehen, was hinter den schwarzen und weißen Tasten steckt, was man auch geöffnetem Deckel des Instruments nicht sieht. Oder vielleicht haben Sie schon einmal dem Klaviertechniker über die Schulter geschaut, der bei Ihnen zu Hause das Instrument pflegt, wenn er die Mechanik aus dem Flügel zieht, oder aber bei geöffneter Frontplatte die Stimmung im Klavier vornimmt. Wenn man etwas weiß, dann lässt sich auch leichter mit dem Techniker über bestimmte Dinge, die die persönliche Spielweise betreffen, vor allem die noch nicht vollführten Wünsche an das Instrument sprechen. Doch dies ist dann ein rein privates Interesse, denn Sie verdienen vielleicht Ihr Geld nicht mit dem Klavierspiel …

Wie aber sieht es mit den zahllosen Klavierstudenten in den deutschsprachigen Ländern aus, von denen die größte Anzahl ja durchaus das Klavierspiel zum Beruf machen will, also mit dem Spiel und dem dafür benötigten Instrument ihren Lebensunterhalt bestreiten wollen? Wissen sie, was sich hinter den Tasten für ein Wunderwerk an handwerklicher Kunstfertigkeit verbirgt? Wissen sie, wie man mit einem Techniker spricht, wenn es um die persönlichen Belange und Wünsche geht? Weit gefehlt! Kaum ein Klavierstudent, der sich nicht selbst dazu bereiterklärt, sich in diesem Punkt zu bilden, erfährt während des Klavierstudiums etwas über die Bauweise eines Klaviers oder Flügels oder deren Behandlungsweise durch einen Techniker. Das ist eigentlich ein unhaltbarer Zustand. Denn wenn ein Rennwagenfahrer nichts von der Technik, die er bewegt versteht, wird er dem Team hinter ihm auch nicht vermitteln können, was bei seinem Fahrzeug zu verbessern ist. Und es gibt viele Rennwagenfahrer auf allen Ebenen – ebenso wie Pianisten …

Während Klaviertechniker zumindest ein Grundmaß an Klavierspiel für ihren Berufen beherrschen müssen, allein um die Stimmung zu prüfen oder im eigenen Handelsgeschäft einem Kunden ein wenig den Klang eines Instruments vorführen zu können, ist in der Studienausbildung eines Pianisten das Feld des Instruments fast vollkommen ausgespart. Hier und da gibt es zumindest Ansätze sich mit der Klavierbaugeschichte zu beschäftigen, gibt es Hochschulen, in denen die Klavierstudenten zumindest einen kleinen Prozentsatz mit historischen Instrumenten verbringen müssen. Gut so, aber über die Bauweise des modernen Instruments wissen sie dadurch auch nicht mehr.

Eigentlich wäre dies Thema wichtig, denn auch ein Streicher, ein Bläser oder Gitarrist versteht doch das meiste über sein Instrument. Nur der Pianist soll davon verschont bleiben, sich mit seinem Instrument auszukennen? Natürlich würde niemand verlangen, dass er selbst Hand an sein Instrument legt, denn die Klavierbauerausbildung in den deutschsprachigen Ländern ist nicht umsonst eine der umfangreichsten (auch in Europa) und führt damit auch zu einem großen Prozentsatz der besten Klaviertechniker in aller Welt … Nein, es geht banal um die Grundkenntnisse. Und die Klavierbauer vor Ort in den Städten der Musikhochschulen wären sicherlich froh über eine Initiative, wenn man seitens der Hochschulen auf sie zukäme, um gemeinsam mit den Werkstätten der Händler oder mit freien Klaviertechnikern Seminare oder Workshops durchzuführen, in denen die Klavierstudenten ihr Wissen um die klavierbautechnische Seite des Instrumente vertiefen könnten.

Dieses Thema ist eines der fehlenden in der Pianistenausbildung (neben einigen anderen). Warum dies nicht längst geschehen ist, dass man diese so spezialisierten Fachgebiete aneinander annähert, warum nicht Klaviertechniker sich stärker für solche Angebote stark machen, sich die Studenten selbst dafür einsetzen, bzw. die Klavierprofessoren ihren Vorgesetzten erklären, wie sinnvoll und weitsichtig solch eine Erweiterung des Lehrangebots wäre, bleibt wohl ein Geheimnis.

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