Vergessene und wiederbelebte Klavierbaubesonderheiten

Liebe Klavierfreundinnen und -freunde,

wenn man in die Klavierbaugeschichte schaut, scheint es so, als wären viele Innovationen früherer Zeiten einfach nicht dazu geeignet gewesen, sich durchzusetzen. Es hat immer den Anschein, als wären die Instrumente, die wir heute in den Geschäften, in den Konzertsälen sehen, das Nonplusultra einer langen Entwicklung – und ein Endpunkt dieser. Doch immer häufiger stößt man seit zirka 10 Jahren auf Instrumente, die genau diese anscheinend nicht durchsetzungsfähigen Innovationen aus der Vergangenheit in neuen Instrumenten.

Vor einigen Jahren hat der Pianist Daniel Barenboim sich von der belgischen Klavierbaumanufaktur Maene einen gradsaitigen Flügel bauen lassen. Doch Gradsaiter waren seit über 100 Jahren aus der Mode gekommen, da man mit der sogenannten Kreuzbesaitung meinte eine Bauweise gefunden zu haben, die besser ist, da man auf derselben Fläche eines Klaviers oder eines Flügels längere Saiten unterbringen konnte. Doch dabei ist ein vollkommen anderes Klangerlebnis entstanden. Und genau das hat Maene seit dem bau der beiden Flügel für Barenboim nun als eigene Marke auch auf eine Serie von Flügeln übertragen. Noch drastischer hat der französische Klavierbauer Stephen Paulello dieses Thema wiederbelebt und mit seinem von vielen Pianisten geliebten Flügel „Opus 102“ entwickelt, der nicht nur ein Grasaiter mit einer Länge von 300 Zentimeter ist, sondern hat auch eine vollkommen neue Gussplatte (und viele Innovationen mehr) entwickelt, um den Klang zu vergrößern. Der Belgier Chris Maene hat auch wieder die von dem Klavierbauer Clutsam entwickelte Bogenklaviatur für einen Kunden neu aufgegriffen und einen Flügel mit einer leicht konkav gebogenen Klaviatur gefertigt.

Die Bayreuther Klaviermanufaktur Steingraeber hat seit etlichen Jahren den sogenannten Mozart-Zug bei seinen Flügeln im Programm. Mit diesem wird die Steighöhe zwischen Hammer und Saiten verkürzt, so dass man schneller spielen kann. Das wird dadurch erreicht, dass der Tastentiefgang auf 8 mm verkürzt wird. So hat man das Gefühl, dass man so spielt, wie dies auf alten Hammerflügeln der Fall ist. Ebenfalls bei Steingraeber gibt es das Sordino-Pedal: bei Betätigung dieses Pedals wird ein dicker Filzstreifen zwischen Hammer und Saite geschoben, so dass man einen unglaublich weichen und zarten Klang erreicht, der bereits von innovativen Klavierbauern wie Conrad Graf oder Sebastien Érard vor langer Zeit im Angebot war. Und das sind nur einige Beispiele für Innovationen, die wiederentdeckt wurden.

Die Frage ist also nicht, warum diese Besonderheiten nicht überlebt haben, sondern eher die, warum die Klavierbauunternehmen sie nicht im üblichen Programm haben. Die Antwort ist so einfach wie erschreckend: Die Industrialisierung des Klavierbaus hat dazu geführt, dass man einige dieser aufwendig zu bauenden Besonderheiten nicht in die Serienproduktion einführte. Zum anderen war der Klavierbau gerade dann auf einem Status Quo angekommen als die industrialisierte Serienproduktion einsetzte, dass man einige der Bauweisen, die man zu diesem Zeitpunkt erlangt hatte, nicht mehr hinterfragte. Gut, dass sich einige kleinere Klaviermanufakturen wieder an die klanglichen Möglichkeiten alter Zeiten mit dem Wissen heutiger Klavierbaukunst erinnern und uns zeigen, dass nicht alle nur kurze Zeit in der Geschichte vorhandenen Bauarten schlecht waren. Und da wäre noch einiges mehr zu entdecken …

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