Pianonews 06 / 2021

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György Cziffra

Klaviergenie mit unstillbarem Freiheitsdrang - Zum 100. Geburtstag des ungarisch-französischen Pianisten

Von: Robert Nemecek

Wer einmal György Cziffras Wiedergabe der eigenen Transkription von Rimsky-Korsakows Hummelflug oder Liszts Galop chromatique gehört hat, dem brennt sich das Gehörte, Zeugnis einer schier übermenschlichen Leistung, für immer ins Gedächtnis ein. Kraft seiner phänomenalen technischen Fähigkeiten gelangte Cziffra in den Ruf des „Übervirtuosen“, für den es keine Schwierigkeiten zu geben schien. Dass man ihm gleichzeitig jeden Sinn für eine tiefere Durchdringung der musikalischen Materie absprach, war freilich die andere Seite der Medaille. Während Cziffra als Liszt-Interpret stets breite Anerkennung fand, wurden seine Interpretationen der Werke Chopins, Schumanns oder Beethovens achselzuckend zur Kenntnis genommen oder gänzlich ignoriert. Das hat er nicht verdient. György Cziffras 100. Geburtstag am 17. November 2021 ist wahrlich ein würdiger Anlass, um an diesen außergewöhnlichen Pianisten zu erinnern und dazu anzuregen, sein klingendes Vermächtnis mit neuen Ohren zu hören.

Der Junge mit den Goldhänden

György Cziffra wurde am 5. November 1921 in eine am Rande von Budapest lebende Roma-Familie hineingeboren und erhielt schon im Alter von drei Jahren Klavierunterricht von Vater und Schwester, die selbst Pianistin werden wollte. Der kleine Junge konnte noch keine Noten lesen, spielte aber sofort alles nach, was er gehört hatte und versuchte, das Gespielte auszuschmücken. In seinen Memoiren Des canons et des fleurs beschrieb Cziffra die stetig wachsende Fähigkeit, über ein vorgegebenes Thema zu improvisieren, als „irrational und geheimnisvoll“. Mit fünf Jahren trat der kleine Pianist kurzzeitig in einem Zirkus auf, wo er das Publikum mit seiner Improvisationskunst verblüffte. Der Mutter gefiel das alles aber ganz und gar nicht. Selbst für alles Gold der Welt würde sie ihren Sohn nicht noch einmal dort auftreten lassen, ließ sie den Zirkusdirektor wissen, worauf der erwiderte, dass ihr Sohn das Gold der Welt nicht brauche, da er es „bereits in seinen Händen“ habe. Vier Jahre nach dieser Szene wurde György dank der Fürsprache Ernst von Dohnányis zum Studium an der Budapester Franz-Liszt-Akademie zugelassen, wo er gleich die Meisterklasse von István Thomán besuchen durfte. Thomán hatte noch bei Liszt studiert, und der junge Cziffra saugte alles, was er sagte und vorführte, gierig in sich auf. „Was Liszt von unserem alten Meister verlangt hatte, das gab er an uns als neue Herausforderung weiter“, fasste er diese Erfahrung später einmal zusammen.

Vom Soldaten an der Ostfront zum führenden Barpianisten von Budapest

Erste Konzerttourneen führten Cziffra in die skandinavischen Länder und die Niederlande. Der Zweite Weltkrieg, bei dem Ungarn auf der Seite von Nazi-Deutschland stand, machte jedoch alle Hoffnungen auf eine Fortführung der so vielversprechend begonnenen Konzertlaufbahn zunichte. 1939 wurde Cziffra zum Wehrdienst eingezogen und an die Ostfront (Ukraine) beordert, wo er einen musikkundigen Leutnant der Wehrmacht mit seinem Spiel so beeindruckte, dass dieser ihn nach Deutschland mitnehmen und Richard Strauss vorstellen wollte. Angesichts seiner „nichtarischen“ Herkunft zog es Cziffra jedoch vor zu fliehen. Die in seinen Memoiren beschriebene Flucht hätte von einem auf Abenteuergeschichten spezialisierten Drehbuchautor nicht besser erdacht werden können. Demnach gelang es Cziffra, zwei Aufpasser mit einer Flasche Cognac zu bestechen und anschließend mit einer bereitstehenden Lokomotive in Richtung Russland davonzubrausen. Während einer Schlafpause wurde er von Partisanen aufgegriffen und an die Russen weitergereicht, die ihn in ein Kriegsgefangenenlager steckten. Als Cziffra ein Jahr später in die Freiheit entlassen wurde, verdingte er sich als Pianist in den Bars und Nachtclubs von Budapest, wo gerade der Jazz sehr en vogue war. Nach einer ersten improvisierten Jam-Session mit einer amerikanischen Jazz-Band verglich ihn der Bandleader mit Art Tatum und engagierte ihn für die nächsten zwei Monate. Für Cziffra eine gute Gelegenheit, um seine Technik wieder auf den neuesten Stand zu bringen. Der Dohnányi-Schüler György Ferenczi stand ihm dabei beratend zur Seite.

Mit der Zeit avancierte Cziffra zum gefragtesten Barpianisten in ganz Budapest. „Die kleinen Streicher-Ensembles wollten mich, weil die Strauss-Walzer mit mir so klangen, als spielten da nicht zwei, sondern zehn Musiker. Die Jazz-Bands mochten mich, weil in meinem Spiel so viel Swing war, und die Zigeuner-Ensembles (sic!), weil meine aus dem Ärmel geschüttelten ungarischen Tänze ohne Vergleich waren“, erinnerte sich Cziffra an die Zeit nach dem Krieg. Gleichzeitig war ihm durchaus bewusst, dass er nicht dauerhaft als Pianist von einer Bar zur nächsten tingeln konnte. Da das kommunistisch regierte Ungarn in jener Zeit eine sehr restriktive Kulturpolitik betrieb, die einem jungen Pianisten wie ihm kaum Möglichkeiten zur freien Entfaltung ließ, entschlossen sich Cziffra und seine Frau Soleilka zur Flucht. Beim Überqueren der scharf observierten Landesgrenze wurden die Flüchtenden jedoch von Grenzsoldaten aufgegriffen und an der Fortsetzung ihres Vorhabens gehindert. Cziffra kam in ein Arbeitslager, wo er zwecks Errichtung eines Treppenaufgangs zur Universität von Miskolc (Nordungarn) zehn Stunden täglich 60 Kilogramm schwere Marmorblöcke tragen musste – zwei Jahre lang. Die Folge dieser Tortur waren Bänderdehnungen in den Händen und im Rücken, die ihn dazu zwangen, lederne Handmanschetten und ein Stützkorsett zu tragen. Da Cziffra fortan beides beim Spielen anbehielt, sind zumindest die Handmanschetten auf so gut wie allen Videos zu sehen. Sie wurden fast so etwas wie sein Markenzeichen.

Vom Staatsfeind zum Staatspianisten

Es gehört zu den perfiden Strategien totalitärer Staaten, dass sie Schwächephasen ihrer Gegner gnadenlos ausnutzen, um sie gefügig zu machen. In vorliegendem Fall konnte der ranghohe Minister, der den Pianisten eines Tages zu sich bestellte, davon ausgehen, dass ein physisch wie psychisch erschöpfter Künstler wie Cziffra sein Angebot, künftig als Aushängeschild des ungarischen Staates zu wirken, nicht leichtfertig ausschlagen würde.

Das gesamte Porträt über György Cziffra lesen Sie in Ausgabe 6-2021 von PIANONews.

 

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