Pianonews 04 / 2021

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Marek Szlezer

„Ich bin ein ziemlich atypischer Fall.“

Von: Marco Frei

Im Ausland ist er vor allem für seine Einspielungen mit Musik von Komponisten aus Polen bekannt. Für das polnische Label „Dux“ hat Marek Szlezer nicht nur Frédéric Chopin oder Karol Szymanowski aufgenommen, sondern auch vergessene Raritäten von Jadwiga Sarnecka. Noch dazu gilt der 1981 in Krakau geborene Pianist als herausragender Interpret der Klaviermusik von Krzysztof Meyer. Mit dem im Westerwald lebenden Komponisten verbindet ihn eine fruchtbare Beziehung, aus der bereits drei CDs hervorgegangen sind – darunter die Klaviersonaten und die „Sei Intermezzi“. Sie sind eigens für ihn geschrieben. Eine andere preisgekrönte Aufnahme präsentiert Szlezer als feinfühliger Interpret der Kammermusik des 2020 verstorbenen Krzysztof Penderecki. In Kürze erscheint zudem eine weitere Szymanowski-CD. Doch was treibt ihn an? Was steckt hinter diesem polnischen Fokus?

PIANONews: Herr Szlezer, warum und wann haben Sie für sich entschieden, Ihren Schwerpunkt als Interpret ganz klar auf die polnische Musik zu setzen?

Marek Szlezer: Das war ein Prozess mit unterschiedlichen Ausgangspunkten. Vielleicht beginne ich damit, dass ich einer traditionsreichen Musikerfamilie entstamme. Mein Nachname verrät einen deutschen Ursprung, wobei ein Zweig meiner Familie auch aus Russland stammt. Im 18. Jahrhundert hat sich ein Teil unserer Familie „polnisiert“, um es so auszudrücken, und diesem Zweig gehöre ich an. Schon früh habe ich mit dem Klavierspiel begonnen. Mein Anfang war das gewöhnliche Repertoire, das auch bei Wettbewerben immerzu gespielt wird oder in Rezitals. Mit 14 Jahren habe ich Bach, Beethoven oder Chopin gespielt.

PIANONews: Was ja grundsätzlich nicht schlimm ist, oder?

Marek Szlezer: Natürlich, aber seit Anfang an interessierte mich immer die Musik, die etwas im Schatten steht. Ich möchte nicht sagen: weniger bekannt. Genau das traf auf weite Teile der polnischen Musik zu. Mich interessiert das doch recht enge, gut bekannte Hauptrepertoire nicht so besonders. Einem meiner Professoren habe ich im Studium von meinen Zweifeln erzählt, und da hörte ich: „Wenn du dich nicht danach fühlst, dann mach es nicht. Eigne dir etwas Eigenes an.“ Das hat mich schon dazu gebracht, meinen Weg zu wählen.

PIANONews: Nämlich?

Marek Szlezer: Es ist gar nicht so, dass diese Musik nur in Polen gepflegt wird. Gegenwärtig mag die polnische Musik in Polen mehr „in Mode“ gekommen zu sein. In meiner Generation setzte die Entdeckung der polnischen Musik allmählich ein, aber vorher hat man sie nicht gespielt. Mit Ausnahmen von Frédéric Chopin, Karol Szymanowski, Witold Lutoslawski oder Krzysztof Penderecki wurde die polnische Musik als nicht so interessant angesehen. Fast die gesamte Musik Polens des 19., aber auch zum Teil des 20. Jahrhunderts lag lange im Verborgenen. Dafür gibt es viele historische Gründe.

PIANONews: Sie meinen die Weltkriege, die Besetzung Polens durch Nazi-Deutschland sowie ab 1945 der Einfluss des Sowjet-Kommunismus.

Marek Szlezer: Die besondere zeithistorische Situation von Polen im 20. Jahrhundert, richtig. Viele polnische Komponisten sind zudem im Zuge dessen ins Ausland gegangen, so zum Beispiel Krzysztof Meyer nach Westdeutschland. Als ich nun diese verschollenen, verschwundenen Stücke zusehends für mich entdeckt hatte, erschienen sie mir wunderschön und sehr interessant – viel mehr als erwartet. Wie kann es sein, dass diese Musik nicht so oft gespielt wird? Eine meiner ersten Meisterklassen in Deutschland, an die ich teilgenommen hatte, war für mich ausschlaggebend. Das war in Bremen, ich war zirka 25 Jahre alt. Wir saßen abends mit den Professoren zusammen und haben über alle möglichen Komponisten gesprochen: über Brahms, Beethoven, Komponisten aus Frankreich. Und plötzlich wurde die Frage gestellt: „Welche Komponisten habt ihr denn in Polen noch außer Chopin, Szymanowski oder andere aus dieser Zeit?“ In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich nicht wirklich darauf antworten konnte – trotz meines Studiums. Mit fehlte einfach das Wissen über mein eigenes Land. Eine meiner ersten Entdeckungen war für mich Jadwiga Sarnecka.

PIANONews: Die Komponistin und Pianistin ist 1913 in Krakau an Tuberkulose verstorben. Über ihr Leben ist nur wenig bekannt.

Marek Szlezer: Ja. Diese Werkschau war meine erste CD beim Label „Dux“, und ich war von der Musik total begeistert. Da war mir klar: Es warten noch weitere Schätze. Ich kann mit dieser Pflege etwas geben und den Musiken helfen. Das hat mich zu weiteren Projekten angespornt. Aber ich möchte auch betonen, dass ich nicht nur dieses Repertoire interpretiere. In Konzerten spiele ich auch das Hauptrepertoire. Bei CD-Aufnahmen konzentriere ich mich aber darauf. Ein wichtiger Schritt waren freilich die Einspielungen von Meyer, zumal er auch in Polen eine wichtige Persönlichkeit ist. Sein Schaffen ist sehr komplex: intellektuell, künstlerisch und instrumentalistisch. Das hat mich sehr interessiert.

PIANONews: In welchem Verhältnis stehen die Kla-vierœuvres von Meyer und Penderecki zueinander? Gibt es überhaupt klavierstilistische Verbindungen zwischen ihnen?

Marek Szlezer: Wenn es um das Pianistische geht, sind Sie stilistisch völlig unterschiedlich. Sie gehören jeweils ganz anderen Welten an. Im Grunde gibt es nur wenige Verbindungen zwischen ihnen, wenn es um die Ästhetik geht. Beginnen wir bei Penderecki: Ihm gefiel das Klavier eigentlich nie. Das hat er mir auch selbst gesagt. Deshalb hat er das Klavier im Grunde vermieden. Er hat zwar ein Klavierkonzert komponiert, aber das ist mehr eine Ausnahme. Auch die Klavierstimmen in der Kammermusik, zum Beispiel im Sextett oder den „Drei Miniaturen“, wie auch letztlich im Konzert sind nur wenig pianistisch gedacht. Seine Vorstellung vom Klavier ist die von einem Instrument, das eine gewisse Klanglichkeit hat, aber bei Penderecki führt es nicht wirklich ein Eigenleben. Das heißt nicht, dass diese Werke kaum spielbar oder wenig praktikabel seien. Aber man merkt ihnen an, dass er die Stimmen komponiert, ohne das Klavier in sich zu haben. Das ist im Grunde typisch für Penderecki.

PIANONews: Und Krzysztof Meyer?

Marek Szlezer: Seine Werke sind sehr pianistisch. Man hört, dass Meyer selbst sehr gut Klavier spielt. Seine Werke sind sehr praktikabel. Sie sind also in diesem Sinn nicht derart abstrakt wie bei Penderecki. Sie sind jedoch rhythmisch und musikalisch sehr komplex. Alles hängt sehr von der Kontrolle des Tempos und der Artikulation ab. Es geht dabei um das Tempo innerhalb des Stückes, also das Binnentempo, wo man sehr achtsam sein muss. Ich möchte damit nicht sagen, dass seine Musik in einem intellektuellen Raum geschlossen sei. Das ist nicht so.

PIANONews: Sondern?

Marek Szlezer: Je mehr ich diese Musik spielte, desto mehr habe ich entdeckt, dass sie sehr expressiv ist und sehr schön. Während aber beispielsweise Szymanowski viel Freiheit gewährt in der Expressivität und der Ausgestaltung des Tempos, gibt es bei Meyer ganz klare Vorstellungen, die man respektieren muss. Erst dann kann man das Werk umfassend würdigen. Sonst verliert diese Musik ihre Expressivität. Die Schönheit in den Werken hängt davon ab, ob und wie das vorgeschriebene Tempo respektiert wird. In diesem Sinn muss man kompatibel sein.

Das vollständige Gespräch lesen Sie in der Ausgabe 4-2021 von PIANONews.

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