
Pianonews 2 / 2008
Schülerin von Neuhaus, Gefährtin von Richter und Gilels
Serafima Mogilewskaja
Von: Carsten Dürer
Wenn man erfährt, dass da eine Schülerin des legendären russischen Klavierpädagogen Heinrich Neuhaus noch heute aktiv unterrichtet, dann wird man hellhörig. Serafima Mogilewskaja war aber nicht nur Schülerin von Neuhaus in Moskau, sie ging auch mit Emil Gilels zur Schule und war mit Svjatoslaw Richter befreundet.
Serafima Mogilewskaja wurde 1915 in Odessa geboren, begann dort in den Wirren der Russischen Revolution mit ihrer Ausbildung, unterbrach diese, da sie anderer Ansicht als ihre Lehrer war, konnte aber dann doch – ebenso wie ihre Freunde Richter und Gilels – am Moskauer Konservatorium in die Klasse von Neuhaus eintreten.
Sie wurde die Assistentin von Neuhaus und entwickelte mit der Zeit eine eigene Unterrichtsmethode, aus der nicht nur ihr Sohn, sondern auch zwei ihrer Enkel mit Erfolg hervorgingen. Lebendige Klaviergeschichte Russlands vereint sich in ihr. Wir besuchten die agiel 96-Jährige in ihrer Wohnung, um sie im Beisein ihres Enkels Alexander Mogilewsky aus ihrer Vergangenheit erzählen zu lassen.
PIANONews: Wir möchten unheimlich viel über Ihr Leben erfahren. Sie
sind ja in Odessa geboren wie damals und auch später viele berühmte
Musiker. Bevor Sie von Ihrer Zeit in Moskau erzählen, würden wir gerne
erfahren, wie Sie zum Klavierspiel gekommen sind, ob Sie zu Hause ein
Instrument hatten und wie Sie das Klavierspiel begonnen haben.
Serafima Mogilewskaja: Ich kann sagen, dass es mir sehr schwerfällt,
über mein Leben zu erzählen, weil es ein sehr langes Leben ist, in das
ein ganzes Jahrhundert integriert ist. Es gab so viele Ereignisse,
unter anderem die Revolution, und ich war ja bereits geboren und
erlebte die Jahre der Revolution. Ich muss sagen, dass das, was bei mir
mit Musik angefangen hat, sehr eng mit der Revolution zusammenhängt.
Als ich drei bis vier Jahre alt war, gab es bei uns zu Hause bereits
Musik, weil bei uns ein altes Klavier stand. Es war eine schwere Zeit.
Wir waren alle in einer schwierigen Situation, es herrschte Hunger und
das Land wurde vollkommen zerstört.
Damit hat mein Leben angefangen und ist dennoch immer verbunden gewesen
mit Musik. Der Beginn meiner musikalischen Laufbahn war nicht leicht –
ich muss das jetzt erwähnen, damit es historisch klar wird; nicht dass
man denkt, dass ich einfach so mit dem Klavierspiel angefangen habe.
Mir hat keiner Beachtung geschenkt. Ich war klein, aber ich wurde von
Musik angezogen. Ich hatte den Drang, Gehörtes auf dem Klavier
nachzuspielen, aber auch selbst etwas zu erfinden. Aber keiner achtete
auf mich, denn bei allen stand der Hunger im Vordergrund. Jedoch
erkannte man, dass ich vom Klavier angezogen wurde. Man hat für mich
die beste Pädagogin der Musikschule in Odessa engagiert. Ich wurde mit
sieben Jahren in die erste Klasse aufgenommen. Sie hat begonnen, mich
zu unterrichten, während ich weiterhin versucht habe Musik
nachzuspielen und zu erfinden. Alle Lieder, die in dieser Zeit gesungen
wurden, habe ich einfach nachgespielt. Ich habe alles parallel gemacht.
Da ich kein Mensch war, der mechanisch spielen konnte, hat meine
Lehrerin ständig mit mir gekämpft, damit ich das spiele, was verlangt
wurde. Mir hat das überhaupt nicht gefallen, und ich wollte nicht
unterrichtet werden. Damit hat meine Lehre angefangen: mit dem Hass
gegen das, was man mit mir gemacht hat: eine künstliche Maschine zu
sein.
Sie haben eine Form vorgegeben, die ich erfüllen musste. Ich habe
gefühlt, dass das überhaupt keine Verbindung zur Musik hatte, eher zur
Physik.
PIANONews: Ihr Können hat sich ja anscheinend recht schnell entwickelt, weil Sie ja begonnen haben, in Odessa zu studieren.
Serafima Mogilewskaja: Das kam erst später. Mein Vater war
Dirigent, ein guter Musiker, und er war Gründer des Konservatoriums in
Odessa 1913 und Gründer eines Sinfonieorchesters in Odessa. Er kam aus
einer musikalischen Familie; er hatte zwei Brüder, der bekannteste war
Alexander Mogilewsky, der Geige spielte, der andere, David Mogilewsky,
spielte Cello. Mein Vater war ein großartiger Musiker. Er hat gesungen
und Partituren dirigiert, und ich habe das alles gehört. Mein Leben
fügt sich aus unterschiedlichen Lebenssituationen zusammen. Bevor ich
Musikerin im Konservatorium bei Neuhaus wurde, war ich eine Art
mechanischer Pianistin. Ich muss sagen, dass ich in der Musikschule
sehr schlecht war und ständig geweint habe. Aus diesem Grund habe ich
die musikalische Ausbildung abgebrochen und ging zur Berufsschule. Dort
habe ich die mittlere mechanische Ausbildung erhalten.
Richter hatte genauso eine Geschichte wie ich. Er ist auch in die
Musikschule gegangen. Man hat uns dort so unterrichtet, dass es weder
Richter noch mir gefallen hat. Vorher aber habe ich versucht, ins
Konservatorium zu kommen, aber man hat mich nicht genommen. Ich kannte
Richter bereits aus der Kindheit, ich kannte sogar Richters Vater, der
Pianist und Organist an der deutschen Kirche in Odessa war. Richter hat
gegenüber der Musikschule gewohnt, an der wir beide Unterricht hatten.
Er und ich waren ja fast gleich alt. Es gab auch familiäre Beziehungen.
Wir haben uns später oft daran erinnert, wie wir die Musikschule
zusammen abgebrochen haben. Aber da sein Vater Pianist war, hat er
begonnen, ihn zu unterrichten. Richter lernte bei ihm auch
Musiktheorie. Er begann Wagner zu spielen und Richard Strauss, ist in
die Oper gegangen, um dort zu helfen. Richters Vater arbeitete in der
Oper. Ich musste hingegen in die Fabrik gehen und arbeiten. Man hat mir
gesagt, dass man mich nirgendwo aufnehmen wird, weil mein Vater
Angestellter war. Er war kein Arbeiter und kein Bauer, das war das
Problem. Nach der Oktoberrevolution wurden Arbeiter und Bauern
bevorzugt; es gab aber eine Quote für Angestellte. Zudem hatten Juden
in der Ukraine größere Schwierigkeiten. Richter hatte also keinen
richtigen Bruch mit der Musik, wie ich ihn hatte.
Ich hatte mit 14 Jahren die Musikschule abgeschlossen, wo auch Gilels
und Yakov Zak unter- richtet wurden. Gilels war eine Klasse unter mir,
Zak eine Klasse über mir. Jeder hat in der Schule so gelernt, wie er
konnte. Gilels hatte seinen Durchbruch mit der Sonate „Pathétique“ von
Beethoven in der sechsten Klasse. Ich dagegen habe sehr wenig gespielt,
weil ich gleich danach in die Fabrik gegangen bin. Ich hätte ohne die
‚Biographie der Arbeiterklasse’, wie Lenin es bezeichnete, keine Chance
gehabt. Fünf Jahre lang habe ich die Berufsschule besucht und mit
meinen Händen gearbeitet. In der Fabrik habe ich auch ein kleines
Stückchen der unteren Seite des kleinen Fingers meiner linken Hand
verloren. Ich hatte viele Probleme, aber ich wollte gern Klavier
spielen. Man hat mich in der Fabrik sehr gemocht, und ich habe auch
dort Klavier gespielt. Ich habe in Fabriken in Stalingrad und
Sewastopol gearbeitet, und dann bin ich im Alter von 18 oder 19 Jahren
nach Hause zurückgekehrt, denn ich wollte Klavier spielen.
Meine Freunde haben mich gedrängt zu spielen, haben mich unterstützt,
und dann bin ich zum Konservatorium nach Odessa gegangen. Mein Vater
hat dort gearbeitet, er kannte alle Professoren. Man hat mich dort zum
Vorspiel empfangen, und ich habe schlecht gespielt. Alle wussten, dass
ich die Tochter meines Vaters bin, der selbst Professor am
Konservatorium war. Mein Vater sagte den Professoren, dass ich schlecht
spiele. „Aber nehmen Sie sie, sie möchte sehr gern spielen“, sagte er
ihnen. Und so wurde ich aufgenommen. Man sagte mir, dass ich ungeeignet
bin, weil ich kleine Hände habe, dass ich zwar ein gutes Gehör besitzen
würde, aber die Hände nicht sehr beweglich sind. Ich sei schlecht
vorbereitet und hätte schlechte Voraussetzungen. Man hat mir angeboten,
zum Vokalunterricht zu gehen, aber das wollte ich nicht. Mein Vater
fragte, was zu tun ist, und dann wurde ich ‚zur Probe’ aufgenommen. Ich
hatte eine gute Professorin, aber es hat mir trotzdem nicht gefallen;
denn die Übungen, die sie mir gab, haben mich sehr an die frühere
Musikschule erinnert. Ich habe also einfach das gespielt, was mir
gefiel, ganz nach meinem Gefühl, Beethoven, noch mal Beethoven,
„Pathétique“, „Appassionata“, Konzerte von Tschaikowsky, Rachmaninow,
alles, was ich wollte. Neuhaus kam ab und zu nach Odessa, aber ihm
wurden nur die guten Schüler vorgestellt. Mich hat man nie vorgezeigt.
PIANONews: Wie kam denn dann der Kontakt nach Moskau zu Heinrich Neuhaus überhaupt zustande?
Serafima Mogilewskaja: Nach dem dritten Kurs habe ich gemerkt, dass der
Unterricht nicht das ist, was ich wollte: Ich wollte nach Moskau. Also
bin ich selbstständig nach Moskau gefahren, denn ich wusste, dass es
dort viele gute Professoren gibt: Neuhaus, Igumnow, Goldenweiser.
Igumnow hat mich dann auch zur Prüfung angenommen; ich habe ihm
vorgespielt, bereits schwierige Sachen, den „Mephisto-Walzer“ von Liszt
– so wie ich es wollte. Igumnow hat meine Hände genommen, sie
betrachtet und gesagt: „Gut. Kommen Sie morgen zu mir.“ Es wurde noch
eine andere gute Schülerin aufgenommen.
Ich ging raus, ging durch das Konservatorium, und Gilels kam mir
entgegen. Er hat mich gefragt, was ich hier mache. „Ich habe Igumnow
vorgespielt.“ Er sagte daraufhin: „Nicht Igumnow. Du musst zu Heinrich
Gustavowitsch Neuhaus. Komm mit.“ Wir haben also Neuhaus angerufen.
Heinrich Neuhaus war zu dieser Zeit sehr krank, hatte hohes Fieber,
aber er sagte, wir sollten trotzdem sofort kommen. Gilels hat alles für
mich geregelt. Er sagte: „Du gehst nicht zu Igumnow.“ Mir war es damals
egal, Igumnow oder Neuhaus, und so bin ich zu Neuhaus in seine Wohnung
gegangen und habe ihm vorgespielt. Das war 1937.
Übrigens: Gestern hat die Tochter von Neuhaus angerufen, Mila, die noch
in der Wohnung wohnt, in der ich Neuhaus das erste Mal getroffen habe.
Ich kam in seine Wohnung. Neuhaus war sehr krank. Er war in einer
schlechten Verfassung. Die Wohnung sah ebenso schlecht aus. Ich habe
mich an das Klavier gesetzt und habe gespielt. Das Klavier war
grässlich, vollkommen demoliert. Ich glaube, ich habe Bach gespielt und
den „Mephisto-Walzer“. Heinrich Gustavowitsch sagte: „Warum hat man Sie
mir nie vorgestellt, als ich in Odessa war?“ Neuhaus hat im Sekretariat
des Konservatoriums angerufen. Man sagte ihm, dass er keinen Platz mehr
frei habe: „Sie haben schon zu viele Schüler.“ Aber Neuhaus sagte, dass
es für diese Person noch einen Platz gäbe, und man solle sie sofort
einschreiben.
Heinrich Gustavowitsch hat bei mir das gehört, was er hören wollte.
Neuhaus hat mir schwere Werke gegeben, direkt das 1. Klavierkonzert von
Chopin, sein Lieblingsstück.
PIANONews: Wie viel Unterricht hatte man bei Neuhaus selbst? Er war ja
zu dieser Zeit Direktor des Konservatoriums in Moskau, hatte viele
Assistenten ... Und wie war der Unterricht selbst bei Neuhaus?
Serafima Mogilewskaja: Neuhaus hat ab und zu seine Studenten zu mir
geschickt, damit sie mir vorspielen. Er hat mir nie gesagt, was er bei
mir hört. Ich habe verstanden, dass er mich nicht so unterrichtet hat,
wie man es von einem Pädagogen erwartet, dass er mich auf Fehler
aufmerksam macht, etwas verbessert. Er hat einfach zugehört, und alles
war gut. Viele hatten Angst, ihm vorzuspielen. Er hatte viele
ausländische Schüler. Er hat alle Sprachen gesprochen. Er hatte immer
sehr viele Schüler. Aber er hat selber nie in der Klasse selbst
vorgespielt. Und er hat auch nie selber am Flügel gesessen und gezeigt,
wie man richtig spielt. Seine Pädagogik war, über den Klang zu
sprechen, über die Musik und über Künstler, über Malerei, über die
Natur. Er hat bei mir mit einem Klang angefangen und erwartet, dass ich
den Verlauf dieses Klanges höre. Das war für mich etwas Neues. Man
hatte von mir noch nie verlangt, dass ich den Klang bis zum Ende fühle.
Es war einzigartig. Viele Menschen, die den „Mephisto-Walzer“ und
Konzerte spielen, wissen das nicht. Er hat immer als Erstes über den
Klang gesprochen, gefragt, womit man diesen Klang assoziiert, mit
welcher Kunstrichtung. Er versuchte immer, den Klang mit etwas zu
vergleichen. Er hat uns als Künstler versucht etwas zu vermitteln,
etwas, das man einfach nicht vergessen kann. Und es drängten sich immer
sehr viele Schüler in seine Klasse, um es mitzubekommen. Er versuchte
zu vermitteln, dass die Musik die Grundlage des Lebens ist.
PIANONews: Hat er auch aus seinem Leben erzählt, von seiner Ausbildung bei Felix Blumenfeld und Heinrich Barth?
Serafima Mogilewskaja: Er hat schon einiges erzählt, aber nicht
detailliert. Am meisten hat er über die modernen Künstler erzählt, wer
wie spielt. Er war mit Prof. Igumnow sehr befreundet. Er hat mir
geraten, zu ihm zu gehen und für ihn zu spielen. Eine solche
Freundschaft zwischen Professoren wie zwischen Neuhaus und Igumnow ist
selten. Auch Igumnow hat seine Schüler zu Neuhaus geschickt. Neuhaus
wollte, dass ich die 2. Sonate von Chopin für Igumnow spiele. Also ging
ich zu Igumnow und sagte, dass Neuhaus mich geschickt habe. Er fragte
erstaunt, warum Neuhaus mich geschickt habe. Ich habe mich einfach
hingesetzt und gespielt.
PIANONews: Gab es Konkurrenz unter den Studenten von unterschiedlichen Lehrern wie von Goldenweiser und Neuhaus?
Serafima Mogilewskaja: Studenten waren eben wie Studenten: Jeder liebte
seinen Lehrer. Ich war befreundet mit einem Schüler von Igumnow, von
dem mein Enkel Alexander unterrichtet wurde, der die Harmonie zwischen
Neuhaus- und Igumnow-Studenten selbst erlebte.
PIANONews: Es gibt viele Geschichten über die Konkurrenz zwischen
Richter und Gilels, dass Richter stärker als Gilels gefördert wurde ...
Serafima Mogilewskaja: Ja, das wissen wir. Gilels ist ein in der
Sowjetunion geborener Pianist. Er wurde stark von der Sowjetunion
unterstützt. Seine Musik war von der selbstbewussten Ideologie der
Sowjetunion geprägt. Er war ein genialer Musiker, aber geprägt von den
Ideen Stalins und Lenins. Und seine Musik spiegelt das wider.
Richter war anders. Richter wurde in der deutschen Kirche von deutschen
Pädagogen erzogen. Sein Vater war Deutscher. Richter war ein genialer
Deutscher. Die Konkurrenz bestand darin, dass Heinrich Neuhaus diese
Beweglichkeit, dieses Gehör, diese Feinsinnigkeit von Richter auch
Gilels vermitteln wollte.
PIANONews: Sie wurden ja auch Assistentin von Neuhaus. Wie viele
Assistenten gab es zur gleichen Zeit? War das automatisch, dass
bestimmte Studenten zu Assistenten wurden?
Serafima Mogilewskaja: Als ich die Studien am Konservatorium beendet
habe, war ich schon Assistentin von Neuhaus. Ich war zwar noch keine
offizielle Assistentin, aber er hat trotzdem Studenten zu mir
geschickt. Er erwartete, dass ich nach Abschluss des Konservatoriums
seine Assistentin werde. Gilels war auch sein Assistent, aber sonst gab
es keine Assistenten. Gilels hat diese Aufgabe aber nicht gefallen, er
mochte sie nicht. Gilels war immer gegen Neuhaus. Er war zwar sein
Assistent, aber er wollte die Methode von Neuhaus immer etwas
verändern. Neuhaus wollte mehr Romantik in die Musik bringen, mehr
romantische Klänge hören ... Deshalb schickte Neuhaus seine Studenten
eher zu mir, denn ich habe zwei Stärken: Ich bin sowohl Romantikerin
als auch Mathematikerin, denn Musik ist Mathematik, aber ohne Romantik
geht es auch nicht. Gilels konnte nicht mit Neuhaus übereinstimmen.
Neuhaus hat viel über Richter erzählt. Er hat Richter gefühlt. Es war
ein Konzert geplant, bei dem ich nach der Pause die „12. Ungarische
Rhapsodie“ von Liszt spielen sollte, und Richter sollte vor mir die
„Études“ von Debussy spielen. Und ich sagte zu Slava [Richter]: „Du
spielst nach mir. Ich werde jetzt gehen und Liszt spielen. Du bleibst
erst einmal hier.“ Richter war damit einverstanden, und so habe ich
zuerst gespielt. Und dann kam Richter. Ich wollte nicht nach Richter
spielen, ich konnte es schon damals nicht ... Heinrich Neuhaus kam ins
Künstlerzimmer gerannt und sagte: „Was habt ihr gemacht? Ich war so
besorgt.“ Er war verärgert. Er hat gesagt: „Er hat das eine gespielt,
du etwas anderes. Es hat keine Bedeutung, wer zuerst spielt.“
Richter mochte es nicht, in Konzerte zu gehen, im Publikum zu sitzen.
Aber Gilels ging zu Konzerten. Gilels war auch dabei, als mein Sohn
Jewgenii in das Konservatorium aufgenommen wurde.
Für Gilels war es nicht angenehm zu lesen, was Neuhaus über Richter
schrieb. Neuhaus schrieb über Richter, dass es niemand Besseren gäbe
als ihn ... Über Gilels sagte er, dass er noch viel lernen müsse, viel
lesen müsse, weil der Mensch viel Wissen haben müsse, damit er das hat,
was Richter habe ... Aus diesem Grund gab es zwischen beiden Konkurrenz.
Als ich das Konservatorium im Juni 1941 beendete, herrschte Krieg.
Schostakowitsch war Vorsitzender des Prüfungskomitees und sagte, dass
mein Name jetzt auf jene Marmorplatte im Konservatorium eingraviert
würde, auf der alle bekannten Schüler seit der Gründung eingetragen
sind, und ich wurde Assistentin von Neuhaus. Das war zwei Tage vor
Kriegsbeginn.
Igumnow hat nach der Abschlussprüfung Neuhaus gefragt, warum ich zu ihm
gegangen sei, und sagte: „Sie haben sie mir weggenommen.“ Sie waren
zwar Freunde, aber er hat trotzdem diese Frage gestellt.
Es war geplant, dass im darauffolgenden Sommer Neuhaus meine Familie in
ihrer Datscha am Meer bei Odessa besuchte, aber dann kam der Krieg.
Neuhaus landete im KGB-Keller [Ljubianka] in Moskau. Er war fast ein
ganzes Jahr dort und konnte nirgendwo hinfahren, weil seine Mutter
einen Schlaganfall hatte und sich nicht bewegen konnte; er musste sie
pflegen. Er wollte nicht evakuiert werden, weil er seine Mutter nicht
zurücklassen wollte. Seine Zähne sind ausgefallen. Man sagte, er sei
vor Hunger fast gestorben. Richter hat ihm damals geholfen.
Ich wurde nach Turkmenistan eingeladen, nach Aschkabat, um ein Festival
unter dem Titel „Sowjetische Musik“ im dortigen Konservatorium zu
organisieren. Ich war praktisch evakuiert, während in Moskau die Bomben
fielen. Ich habe fünf Jahre lang in Aschkabat als Pädagogin gearbeitet,
sehr oft Konzerte von Tschaikowsky gespielt. Es gab dort viele
Verwundete, und ich habe in Krankenhäusern den Verwundeten vorgespielt,
auch Konzerte vor den Soldaten gegeben. Es hat damals auch einen
Briefwechsel mit Neuhaus gegeben; die Briefe existieren noch. Neuhaus
war zunächst im KGB-Keller Ljubianka, und danach in einem Dorf bei
Swerlowsk [heutiger Name: Ekaterinenburg]. Es war ein Exil. Er hat mich
gefunden und viele Briefe nach Aschkabat geschickt. Einem der Söhne von
Neuhaus, Adik, wurde ein Fuß amputiert. Er hatte Fußball gespielt und
sich am Fuß verletzt; es kam zu einer Infektion, und er starb. Der
zweite Sohn, Stanislaw, hat nach Neuhaus’ Tod zu trinken begonnen.
PIANONews: Haben Sie in dieser Zeit noch Kontakt zu Richter und Gilels gehalten?
Serafima Mogilewskaja: Ja, ja, Gilels ist nach Aschkabat gekommen. Wir
haben aus dem Sand der Wüste Schildkröten gesammelt und gegessen.
Richter war zu dieser Zeit in Moskau. Auch mit Richter gab es einen
Briefwechsel. Er schrieb: „Wir alle warten auf das Kriegsende.“
PIANONews: Wie ging es nach den Kriegswirren weiter?
Serafima Mogilewskaja: Ich habe von Neuhaus bereits Briefe aus Moskau
bekommen, und er schrieb, dass die Situation dort sehr schwierig sei.
Es war unmöglich, dort zu leben. Unser Haus war geschlossen. Ich hatte
im September 1945 meinen Sohn bekommen, Jewgenii, und so kehrte ich
nach dem Krieg nach Odessa zurück. In Odessa habe ich dann als
Pädagogin zu arbeiten begonnen. Ich habe meinen Sohn ganz anders
unterrichtet als die alten Pädagogen in Moskau. Ich habe das ganze
System umgeworfen. Mein Mann war auch ein Pianist aus der Klasse von
Igumnow, Gedeon Leserowitsch. Er wollte Jewgenii unterrichten, aber ich
habe es ihm verboten – ich wollte meinen Sohn selbst unterrichten. „Das
wird ganz anders sein“, sagte ich und er solle sich nicht einmischen.
Als Schüler von Igumnow war er der Meinung, dass man Jewgenii so
unterrichten sollte, wie die alten Professoren es taten; man brauche
feste Finger und viel Kraft. Ich war jedoch der Meinung: kein Zwang,
keine Gewalt. Leise, leise, pianissimo, piano; der Klang wird aus der
Stille geboren. So haben wir begonnen: aus der Stille den Klang kommen
lassen. Zu meinem Mann sagte ich: „Mach die Tür zu; wir üben.“ Und er
sagte: „Ihr spielt doch gar nicht.“
So hat Jewgenii [Eugene] begonnen, bis er den ersten Preis 1964 beim
Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel mit 18 Jahren gewonnen hat. Es
war das letzte Mal, dass die Königin Elisabeth den Preis mit eigenen
Händen überreicht hat.
Nachdem ich aus Turkmenistan zurückkam, wollte ich nur noch Klavier
spielen. Ich habe viele Konzerte gegeben. Kurt Sanderling war der erste
Dirigent, mit dem ich spielte, das war 1945 oder 1946. Er kam nach
Odessa, und ich spielte mit ihm das zweite Liszt-Konzert in A-Dur an
zwei Klavieren – sehr romantisch. Sanderling war ein sehr guter
Pianist. Auch Neuhaus hat einmal das Liszt-Konzert in A-Dur dirigiert.
Alexander Mogilewsky: Meine ersten Lehrer waren meine Großeltern. Ich
bin meiner Großmutter sehr dankbar, denn sie hat mir beigebracht, die
Musik zu lieben. Sie hat mir gezeigt, dass jeder Finger lebendig ist.
Das ist ein Ansatz, der einzigartig ist. Sie war meine erste Lehrerin
und dann die anderen Großeltern auch. Ich hatte dann die Möglichkeit,
bei Prof. Jewgenii Timagin, einem Freund meiner Großmutter und Schüler
von Igumnow, zu studieren. Wir waren enge Freunde. Übrigens war er auch
der Lehrer von Mikhail Pletnev, Ivo Pogorelich und vielen anderen. Das
war eine sehr glückliche Mischung, die ich bekommen habe: zuerst aus
Richtung von Neuhaus über meine Großmutter und dann aus Richtung von
Igumnow über meinen Lehrer. Das waren die beiden besten russischen
Schulen. Dann natürlich meine Eltern, mein Vater. Ich sollte sagen,
dass es nicht einfach ist, mit den Eltern zu arbeiten. Als ich zum
Konservatorium ging, hatte ich die Möglichkeit, bei Lew Naumow zu
studieren, dem Assistenten von Heinrich Neuhaus. Er war ein großer
Musiker, eine große Persönlichkeit, die mich in meinem Leben
unglaublich beeindruckt hat. In unseren Stunden bei Naumow gab es
etwas, das man nicht vergessen kann. Er war eine Persönlichkeit, die
man mit griechischen Helden wie Prometheus vergleichen kann. Er wusste
alles, er studierte alles, Kultur, Weltgeschichte, Literatur, Dichtung.
Er war in allem passioniert. Er liebte Musik ... Er war einer der
Schüler, der die Ideen von Neuhaus zusammenbrachte, alle Künste ...