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Valery Afanassiev

Traditionsbewahrer

Von: Carsten Dürer

Studiert hat Afanassiev bei Emil Gilels und Jakov Zak am Moskauer Konservatorium. Das prägt einen jungen Pianisten für sein Leben. Dennoch ist Valery Afanassiev niemals ein epigonaler Spieler gewesen, sondern immer ein Individualist geblieben, dessen Art und Spiel oftmals mit dem Adjektiv exzentrisch belastet wird. Doch ist es exzentrisch, wenn man nach dem tieferen Sinn in der Musik sucht?
Als wir eintreffen, ist der Pianist gerade dabei die „Suite Bergamasque“ von Debussy einzuspielen. Und man hört sofort: Afanassiev spielt absolut persönlich, hat ein grandioses Gespür für Klangsinn und weiß vor allem den großen Bogen in den einzelnen Sätzen beizubehalten. Wir setzen uns in einer Aufnahmepause mit ihm zusammen. Und sogleich beginnt er darüber zu erzählen, wie er die jungen Pianisten von heute wahrnimmt.

Valery Afanassiev: Ich habe vor einiger Zeit einen Artikel über Daniil Trifonov gelesen, in dem man etwas Aberwitziges schrieb. Da stand: Vergessen Sie Horowitz, Gould, sogar Kissin – das sollte wohl bedeuten, dass es leichter ist Horowitz oder Gould zu vergessen als Kissin – da nun Trifonov da ist. Wir sollten uns klar machen, wo wir heute stehen. Und politisch korrekt wäre es, keine Namen zu nennen, wenn man etwas Kritisches sagt. Sokolov hat etwas, ja; und Pletnev ist sehr talentiert. Aber es ist doch immer nur dieses Stückwerk. Solkolov ist großartig, aber ich kann ihm nicht zuhören … Wenn man sich in Shakespeare verliebt, muss man ja auch nicht Dante vergessen, oder? Die Menschen lieben aber die Publicity. So hörte ich mir auf Anraten von Freunden Trifonovs Opus 111 von Beethoven an. Die erste Seite war wirklich gut, aber – und nun spreche ich offen – der Rest war wirklich schrecklich schlecht, mit recht vielen falschen Noten. Heutzutage aber kümmern wir uns anscheinend nicht mehr darum, selbst mit falschen Noten ist man „charismatisch“. Viele gute Musiker, wie Daniel Barenboim, Valery Gergiev und auch Gidon Kremer versuchen immer neue Talente zu entdecken – und am Ende bin ich immer enttäuscht. Eine Khatia Buniatishvili denkt nur über ihre Kleidung nach – aber das spielt doch keine Rolle … was allein zählt, ist das Ergebnis, wenn man auf die Bühne geht oder auch eine Aufnahme macht. Man kann machen, was man will – man kann neun Stunden pro Tag üben oder eine Viertelstunde – am Ende zählt nur das Ergebnis. Das vergessen die Menschen vollkommen. Sie sprechen darüber wie Sokolov einen Flügel auswählt … das interessiert mich doch gar nicht. Da Trifonov sich aber am Flügel so benahm wie Mistopheles, dachte ich mir, dass ich seinen Mephisto-Walzer von Liszt anhören sollte. [er lächelt] Das tat ich, aber neben der Mimik, die wie Mephisto war, dachte ich mir: Aber Mephisto schwitzt nicht in dieser Art. Er hatte andere Probleme, aber er schwitzt nicht. Aber die Menschen denken, dass diese Art von Intensität zeugt.

PIANONews: Liegt es nicht oftmals bei den jungen Künstlern daran, dass Sie letztendlich kaum wissen, was sie da spielen, also kein Hintergrundwissen haben?
Valery Afanassiev: Ja genau. [er lacht] Ich unterrichte so gut wie nie. Einmal unterrichtete ich in Weimar. Da spielte eine Studentin die Rigoletto-Paraphrasen von Liszt. Sie spielt sehr mechanisch. Ich fragte also: Weißt Du, was da gerade in der Oper los ist? Sie konnte es nicht sagen. Dann fragte ich: Nun, stirbt da gerade jemand oder ist jemand verliebt? Was passiert da? Sie konnte mir das nicht sagen.

PIANONews: Kommen wir einmal auf Sie zu sprechen. Es scheint so, als seien Sie – zumindest vom deutschen Markt – fast vollkommen verschwunden, oder liege ich da falsch?

Valery Afanassiev:: Ach wissen Sie, das Publikum – und ich fürchte mich nicht, das zu sagen – ist freundlich, aber nicht zu mir. Ich will nicht sagen, dass ich mich schlecht verstanden fühle. Aber wenn es um die Musik geht, dann kann man durchaus über Musik sprechen, zum Wohle der Musik und zum Wohle des Klavierspiels. Das ist vollkommen abhanden gekommen. Selbst wenn heutzutage die Menschen wieder in die Konzertsäle strömen, fehlt es an Verständnis. Die Konzertsäle sind zu finanziellen Maschinen mutiert. Warum dies so ist? Nun, die Menschen möchten sich lebendig fühlen, und vergessen dabei den Tod. Furtwängler und andere große Dirigenten sind lebendiger als andere. Wenn ich die Aufnahmen von Furtwängler aus den 1930er Jahren anhöre, dann ist da eine Lebendigkeit und Intensität, die mir bei Konzerten von Dirigenten heutzutage vollkommen fehlt. Gergiev ist manchmal so intensiv. Es ist eine Freude mit ihm zu spielen, da er einem zuhört …

PIANONews: Aber es sind doch nicht nur die Konzertsäle kommerziell orientiert, sondern die gesamte Welt der Klassik ist doch so kommerziell orientiert und eine Art von Geschäft geworden. Es scheint so, als würden sie immer noch versuchen, die Geschäftsideen der Pop-Musik zu kopieren.

Valery Afanassiev: Alle sagen ja, dass der Kunde immer Recht hat, daher ist das alles so wie es ist.
PIANONews: Aber ist es nicht eher so, dass der Kunde – in diesem Fall das Publikum – das konsumiert, was man ihm anbietet?

Valery Afanassiev: Genau. Es gibt noch einen anderen Punkt. Vor kurzem habe ich eine interessante Dokumentation über berühmte Ballett-Paare früherer Zeiten gesehen. Und da wurde ein Mann gefragt, warum es diese heute nicht mehr gäbe. Er antwortete, dass man heute keinen Bedarf an solchen Paaren mehr habe. Das stimmt genau. Wenn die Leute heute mit Trifonov oder Hélène Grimaud zufrieden sind, benötigen sie keine Größe mehr. Das ist schrecklich, denn ich denke, dass wir dadurch viele Freuden verloren haben. Eine ist, dass wir heute keine großen Orchester-Klangkörper mehr hören können. Das kommt dadurch, dass heutzutage die Mitglieder in Orchestern aus aller Welt stammen, es gibt keine Einheit mehr. Die Menschen verstehen das nicht, und wenn dann erwähnt wird, dass es großartig ist, dass ein Orchester aus Musikern aus aller Welt zusammengesetzt ist, scheint dies noch ein Vorzug zu sein. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es diese Möglichkeit für Orchester nicht, aber was zählte, war die Einheit im Klang. Die Menschen aber realisieren das nicht.

PIANONews: Das scheint tatsächlich so zu sein. Alles wird heutzutage etwas ähnlich gemacht und nivelliert. Viele der jungen Solisten am Klavier kommen ja aus bekannten Wettbewerben. Und da findet eine gewisse Vereinheitlichung statt. Diese Parallelwelt, die eigentlich nichts mit der Realität zu tun hat, entsendet die Gewinner in die Realität der Musikwelt und so wird die Parallelwelt Realität. So wird alles vereinheitlicht, denn ein interessanter Pianist, der die Gemüter trennt, kann keinen Wettbewerb gewinnen. Zudem gibt es diesen Teufelskreis: Wenn man viele Konzert hat, dann erhält man die Möglichkeit eine CD bei einem Label zu produzieren. Aber ohne CD keine Konzerte …
Aber zurück zu Ihnen: Wenn Sie nun wieder Aufnahmen machen, ist das nicht auch ein Teil der Musik-Maschinerie?
Valery Afanassiev: Ja, aber ich behalte die Fähigkeit bei, an die Zukunft zu glauben. Ich schreibe – wie die Russen sagen – unter dem Tisch, was bedeutet, dass meine Bücher nicht publiziert werden. Das bedeutet: Diese Generation wird mich nicht akzeptieren oder verstehen. Vielleicht nicht einmal die Generation der jetzt Jungen. Aber vielleicht die Generation danach. Viele griechische Philosophen sprechen immer wieder darüber: Es gibt eine Fluktuation in der Welt, ausgelöst auch durch Frieden und Kriege. Aber das Ganze hat mit Gerechtigkeit zu tun, und daher muss die Geschichte in immer ähnlichen Wellen alternieren. Ich möchte jetzt so viele Aufnahmen wie möglich machen. Das ist wirklich, was ich will. Das Gute ist, dass ich bei Sony Classical in Japan einen wunderbaren Menschen habe, mit dem ich kommuniziere. Er versteht etwas von der Musik und unterstützt mich.
Zudem habe ich vielleicht noch zwei oder fünf Jahre vor mir, aber wie lange werde ich noch in der Lage sein zu spielen?

PIANONews: Das bedeutet, Sie fühlen, dass es nun an der Zeit ist, Aufnahmen einzuspielen.

Valery Afanassiev: Ja, natürlich. Und ich nehme heutzutage recht schnell auf. In diesen drei Tagen jetzt versuche ich drei CDs einzuspielen. Ich fühle mich sehr wohl in der Aufnahmesituation. Ich brauche nicht die Energie von anderen, um mich in die richtige Stimmung und Konzentration zu versetzen. Ich kann mich mit dem Komponisten vereinen, auch ohne fremde Präsenz.

PIANONews: Sie sagten einmal, dass Sie sich beim  Spiel eines bestimmten Werkes nur wohl fühlen, wenn Sie sich in den Komponisten transzendieren können. Ist es möglich, dass man sich in drei Tagen in so viele  unterschiedliche Komponisten transformieren kann?

Valery Afanassiev: Ja, aber man muss natürlich vorbereitet sein und es gewohnt sein, dass man dies überhaupt tut. Und es ist nicht ganz so, wie es sich anhört. Vielleicht war es einmal in meinem Leben so, als ich mich vor vielen Jahren auf den Bach-Wettbewerb in Leipzig vorbereitete, wurde ich ein Teil von Bach. Aber ja, es ist möglich, wenn man es gewohnt ist, sich in den Komponisten zu transferieren.

PIANONews: Was genau nehmen Sie nun auf?

Valery Afanassiev: César Franck, Debussy, Ravel, Beethoven – von ihm bereits die dritte Einspielung mit Klaviersonaten. Manchmal fragt mich ein Veranstalter, was meine Pläne sind, auf welchen Komponisten ich mich konzentrieren will. Dann antworte ich: Vielleicht auf Beethoven und Schubert. Ich bin immer bereit, aber niemand fragt mich wirklich. Für diese Aufnahmen habe ich Sponsoren gefunden. Eigentlich soll ich nur eine Einspielung pro Jahr machen, aber dann muss ich wenigstens 85 oder älter werden, um meine Pläne zu verwirklichen.

PIANONews: Die CD-Einspielungen sind auf Sony Classical Japan veröffentlicht, daher findet man viele der Einspielungen nur über das Internet, da sie in anderen Ländern nicht vertrieben werden.

Valery Afanassiev: Mit den Beethoven-Aufnahmen soll dies nun anderes werden. Aber natürlich ist es sehr schwierig, da sie sich in der Regel mit anderen Personen beschäftigen – Sie wissen, von welchen Künstlern ich rede.

PIANONews: Sie sagten, dass Sie heutzutage „unter dem Tisch“ schreiben. Aber Sie veröffentlichen dennoch, oder?

Valery Afanassiev: Ein bisschen. Nicht viel …

PIANONews: Aber Sie fühlen – ebenso wie beim Klavierspiel – die Notwendigkeit zu schreiben?

Valery Afanassiev: Ja, aber auch nicht für diese Generation – vielleicht sogar für niemanden. Aber ich kann nicht ohne das Schreiben leben. Wenn Leute sagen, dass sie ihre Sachen nur für eine Person machen, ist das ein Spiel. Ich habe wenigstens fünf Personen, die mich beispielsweise als Literat verehren. [er lächelt hintersinnig] Sicherlich sind das nicht genug. Man kann sich glücklich fühlen, allein wenn der Frühling kommt und die Tage länger werden. Das ist sicherlich eine schöne Ansicht. Aber wenn man sagt: Gute Neuigkeiten – die Sonne scheint. Aber wenn es dann doch anfängt zu regnen, was soll man dann sagen?

Das vollständige Interview lesen Sie in PIANONews 5-2017.

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